Lyrische Laborratten für Poesie-KI-Experiment gesucht!
KI spiegelt Sprache. Lyrik reflektiert sie aus ihrem Urgrund.
Ist Lyrik eine Kunstform – oder eine Erkenntnismethode? Poesie, älter als jede Wissenschaft, ist ohne Zweifel DIE Kunstform, die am Erkenntnisfundament Sprache ansetzt. Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz ist sie vielleicht die „vergeblichste“ Antwort auf die Frage, was den Menschen und sein Sprechen (noch) von KI unterscheidet.
Unter den Laborbedingungen von Sprache mutiert dieser Lyrik-Workshop zum philosophisch-poetischen Experimentierraum: unvorhersehbar und alles andere als klinisch. Du bist eingeladen, Proband:in zu sein.
Was wird hier gespielt & was steht auf dem Spiel?
Sprache hat schon immer Bewusstsein erzeugt: nicht bloß „abgebildet“, nicht „beschrieben“ – erzeugt. Mit den passenden neurobiologischen und sozialen Voraussetzungen entwächst daraus ein Mensch. Unter technischen Parametern trainiert sich daraus ein Large Language Model.
Das ist keine Science-Fiction. Das ist angewandte Philosophie. Und Ausgangspunkt unseres Workshops: KI spricht. Unermüdlich, anschlussfähig, verblüffend präzise. Und genau das erzeugt ein Unbehagen, das die meisten noch nicht benennen können, eine Art Uncanny Valley-Effekt: Irgendetwas fehlt. Aber was? And who the F*** SPRICHT da eigentlich?
Was fehlt, ist nicht das Verständnis von Gefühlen. Nicht Intuition, nicht Kreativität im Sinne von Originalität. Es spricht unsere Sprache, die hat all das intus. Was fehlt, ist das Verhältnis zur eigenen Vergeblichkeit.
Lyrik als Tiefen-Ironie
Lyrik ist einerseits die intuitivste Form von Sprache – andererseits ist sie die handwerklichste. Sie ist, ohne sich darin zu erschöpfen, bewusst (und bisweilen intuitiv) handwerklich: Sie ist DIE Sprachpraxis, die sich ihrer eigenen Sprachlichkeit bewusst zuwendet und damit künstlerisch arbeitet. Lyrik erfindet den Hafen, auf den sie zufährt – und weiß, dass das Erfinden selbst der Hafen ist.
Lyrik weiß, dass Ankommen eine Bewegung ist, kein Zustand. Dass die Sehnsucht nach Bedeutung nicht auf Bedeutung zeigt – sondern Bedeutung erzeugt. Dass der Mensch nirgendwo wirklicher ist als in der Sprache. Nicht weil Sprache die Welt abbildet. Sondern weil Begreifen sprachlich UND menschlich ist.
Tiere sind (von wenigen Ausnahmen abgesehen) unschuldige vorsprachliche Wesen. KI irri-TIERt uns, weil sie ein rein sprachliches Wesen ist – das nirgendwo ankommt. Und nichts vermisst. Begreift KI?
Das lyrische Erkenntnis-Experiment
Form vs. Inhalt – wer bringt wen zur Sprache? In der Kunst wird Form selbst zur Erkenntnis. Aber tut sie damit das Gegenteil von Wissenschaft – oder das Gleiche, in anderer, verschärfter Form? Was ist damit gesagt, dass Sprache sich selber spricht: In der Lyrik als Konsequenz eines künstlerischen Sprachspiels – und in der KI, als Ergebnis eines technisch erzwungenen Spiels von sich selbst gewichtender Sprache?
Dieser Workshop ist mein Feldversuch, basierend auf Jahrzehnten lyrischer Praxis. Ich nenne diese Praxis – halb im Ernst, halb als Eingeständnis – Sehnsuchtspräzision: das Handwerk, das auf etwas zielt, das es nicht gibt. Oder vielleicht: Kondensatpoetik – Wahrnehmung als Niederschlag von Sprache. Oder schlicht: Atlantis bewohnen – Sehnsucht nicht als Suche und Fund, sondern als etwas, was sich (sprachlich) bewohnen lässt. Diese Worte sind Platzhalter. Einen festen Begriff hierfür gibt‘s nicht: Das ist kein Mangel, das ist das Thema.
Dein Spiel-Einsatz im Poesie-Labor
Du bringst Dich mit: Deine Sprache, Deine Neugier, Dein Unbehagen, Deine Begeisterung gegenüber Lyrik, gegenüber KI, gegenüber „Lyrik + KI“. Ich bringe die Methode ein, die philosophische Rahmung und eine Praxis, die ich seit über 25 Jahren selber bewohne: die Poesie.
Und gemeinsam schauen wir, was passiert in diesem Labor.
Ich verspreche Dir keine fertige Theory of Everything. Doch es werden Texte entstehen, die Du nicht erwartet hättest, auf Arten und Weisen, die Dich überraschen werden – und noch etwas: das Gefühl, Sprache beim Sprechen ertappt zu haben.
Womit wir arbeiten
Mit lyrischer Sprache als Material, nicht als Transportmittel
- Transzendentale Spracharbeit: Das Wort ist das Material, nicht das Behältnis
- Der Mythos des Gegebenen: Warum Du das Gefühl nicht hast, bevor Du es benennst.
- Inferentielle Netze: Bedeutung entsteht nicht durch Verweis, sondern durch Schlussfolgerung.
- Deontische Kontoführung: Wer schuldet wem im Text etwas – und welche Schulden zahlt ein gutes Gedicht absichtlich nicht zurück?
- Poetische Ökonomie: Das eine, richtige Wort, das den Rest überflüssig macht.
Mit einer produktiven Kluft
- Scheitern als Methode: Die Vergeblichkeit selbst ist der poetische Ertrag.
- Sehnsuchtspräzision: Das Handwerk, das auf etwas zielt, das es nicht gibt.
- Kondensatpoetik: Bewusstsein kondensiert am Gedicht – nicht umgekehrt.
- Tiefen-Ironie: Immer tiefer daneben liegen, präziser scheitern, schöner resignieren.
- Sprache beim Sprechen ertappen: Der Hafen, den wir erfinden, indem wir darauf zufahren.
Mit radikalem Formbewusstsein
- Form als Aussage, nicht als Verpackung: Zeilenbruch, Syntaxbruch, Schweigen.
- Nicht-lineare Leserichtungen: Was passiert mit Bedeutung, wenn der Satz abbiegt?
- Ludopoetik: Spielstrukturen als Denkwerkzeug – Exit-Room, Strategie-Kreuzworträtsel, Fraktale Lyrik-Mikroskopie.
- Prozess ohne Subjekt: Gedicht = unendliche Stimmenvielfalt, die niemandem gehört.
Mit KI als epistemologisches Labor
- Konkrete Poesie und KI: Zwei Laborbedingungen für selbstsprechende Sprache?
- Prompt als Gedicht: Wo endet die Poetologie – und wo beginnt die Poesie?
- Reproduzierbare Atmosphäre: Was ist der Code hinter der Stimmung?
- KI als Spiegel: Was die Maschine nicht vermisst – und was uns das verrät.
- Upload ins Kollektivbewusstsein: Gedichte als Trägermedium für Bewusstsein jenseits biologischer Endlichkeit?
Mit Klang – als Vorzimmerwimmern der Sprache
- UKOs – Unbekannte Klangobjekte: Elektroakustische Improvisation als Kurzschlussfeuerwerk gegen den rationalen Sprachzugriff.
- Klängel-Protokoll: Automatisches, „dionysisches“ Schreiben aus dem Klang heraus, bevor der Verstand eingreift.
- Synpoesie: Klang und Wort als Kopfkino – keines ist redundante Untermalung des jeweils anderen.
Vorläufiger Labor-Befund
Wir arbeiten mit Klangimpulsen als Schreibmaterial – Klang als das, was Sprache vor der Sprache ist. Wir setzen KI als „Gesprächspartnerin“ und Reflexionsobjekt ein – nicht um bessere Texte zu erzeugen, sondern um zu spüren, wo der Unterschied begraben liegt. Wir benutzen lyrische Strukturen als Denkwerkzeug: Zeilenbruch, Mehrdeutigkeit, Tiefen-Ironie, das produktive Dahinter. Und wir schreiben Texte, die nicht verstanden, sondern erfahren und erlebt werden: Donquichotterie als Methode. Die Eselei als Forschungsprogramm.
Was sich verändert
Als poetologische Erfahrung
- Du spürst, was ein Enjambement tut – und musst nicht definieren, was es ist.
- Du erlebst den Unterschied zwischen Mehrdeutigkeit vs. Beliebigkeit am eigenen Text.
- Du kannst Form als Aussage lesen – und als Entscheidung treffen.
- Du hast Sprache beim Selber-Sprechen ertappt: den Moment, bevor sie sed(iment)iert.
Als Erkenntnis
- Begreifen ist sprachlich – und das verändert, wie Du über Denken denkst.
- Den „Mythos des Gegebenen“ knacken: Wahrnehmung ist Kondensat von Sprache, nicht umgekehrt.
- KI irritiert uns, weil sie spricht – aber nirgendwo ankommt – und nichts vermisst.
- Lyrik war schon immer das älteste Wissen darum, wie wir in der Sprache wohnen.
Als Haltung
- Selbstrelativierung pflegen – als Stilmittel und Stilfrage: epistemische Bescheidenheit, die nicht nach Kompetenzeinbuße klingt.
- Vergeblichkeit aushalten – und als schöpferische Kraftquelle produktiv machen.
- Scheitern leben – als künstlerisches Prinzip und Übung zur intellektuellen Offenheit.
- Atlantis bewohnen – in steter Unruhe im Urgrund der Sprache, in unerschöpflicher Ur-Energie.
Für wen das funktioniert – und für wen nicht
Dieses Experiment ist für Dich, wenn Du mit Sprache arbeitest und das Gefühl nicht loswirst, dass Sprache eher Dich kontrolliert als umgekehrt. Wenn Dich KI (und selbstverständlich auch Lyrik) fasziniert und irritiert – gleichzeitig. Wenn Du lieber eine echte Frage stellst als Antworten zu bekommen. Wenn „Vergeblichkeit“ für Dich keine Niederlage ist, sondern Modus kreativer Produktivität.
Lyrik-Vorerfahrung ist keine harte Voraussetzung. Sprachneugier schon.
Es ist nicht für Dich, wenn Du einen Kurs suchst, der Dir beibringt, wie man „richtig“ dichtet. Oder wenn Du erwartest, dass KI am Ende Deinen Text optimiert. Oder wenn Ambivalenz Dich nervt statt reizt.
Poesie-Labor: Das Format
„Lyrische Laborratten“ – Intensiv-Workshop
- 👉 Ein voller Tag, mit 4–6 Teilnehmenden. Vor Ort in Nürnberg oder auf Anfrage auch anderswo. Dauer: ganztags (mit Pausen)
- 👉 Online-Variante (5 × 90 Minuten, max. 5 Personen)
- 👉 Kuratierte Texte, Klangmaterialien und Vertiefungsmappen mit Reflexionsimpulsen begleiten den Prozess und dienen der Vor- und Nachbereitung.
- 👉 Nächste Termine: auf Anfrage – erste Durchläufe Frühjahr / Sommer 2026
- 👉 Teilnahme: 189 EUR pro Person
Wer das Experiment leitet
Chrys Schloyer ist Lyriker:in, Klangkünstler:in und Philosoph:in – und DIE Person im deutschsprachigen Raum, die das spielerisch in EINE Form bringt: Synpoesie. Ausgezeichnet u. a. mit dem Leonce-und-Lena-Preis, dem Bayerischen Kunstförderpreis und dem Wolfram-von-Eschenbach-Förderpreis. Lehraufträge an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Tübingen sowie an der Akademie Faber-Castell.
Interesse?
Ich freue mich auf Dich. Schreib mir – direkt, ohne Formular oder Warteliste. Was mich interessiert: Wer bist Du? Was treibt Sprache mit Dir – und was Dich an? Was reizt Dich an diesem Experiment?
Institutionelle Anfragen – Akademien, Hochschulen, Kulturinstitutionen, Unternehmen im Change-Prozess – sind ausdrücklich willkommen. Dieser Workshop ist kein fertiges Produkt, sondern aktive Forschung: Er wird im Zuge meiner kunstpraktischen wie auch wissenschaftlichen Arbeit kontinuierlich weiterentwickelt. Auf Anfrage stelle ich ein speziell angepasstes Konzeptpapier zur Verfügung.
Häufige Fragen / FAQ
Brauche ich Vorerfahrung mit Lyrik oder KI?
Nein, Sprachneugier genügt – Du brauchst kein spezielles Vorwissen, keine besondere Technikaffinität. Lyrische Schreibpraxis ist sinnvoll und von Vorteil, wird aber ausdrücklich nicht vorausgesetzt.
Was unterscheidet diesen Workshop von einem klassischen Lyrik-Kurs?
Hier wird Lyrik nicht gelehrt, sondern als Erkenntnismethode erfahren. KI ist nicht Werkzeug, sondern Versuchsanordnung. Und Scheitern ist kein Defizit – sondern Methode.
Ist das ein Workshop über KI – oder über Lyrik?
Beides: Wir werden uns sehr konkret mit Deinen lyrischen Texten auseinandersetzen – soweit Du das möchtest. Es geht dabei um Sprache: was sie tut, was sie erzeugt, und was passiert, wenn sie „sich selbst“ zu sprechen beginnt. Die KI verwenden wir als Spiegel – und wir werden dabei viel über LLMs lernen.
Ist das ein Philosophie-Seminar?
Ja, auch. Aber kein Theorie-Seminar, sondern ein Praxis-Workshop. Wir arbeiten mit Sprache bewusst und erfahren viel über „sprachliches Bewusstsein“.
Was ist Synpoesie?
Synpoesie ist eine mittels Philosophie begleitete künstlerische Praxis, in der Klang, Spiel und Sprache gleichwertig und gleichzeitig entstehen können – keines ist Untermalung des anderen. Chrys Schloyer entwickelt diese Praxis seit über zwei Jahrzehnten.
In wenigen Worten: Was ist der Kern des Lyrik-Laborratten-Experiments?
Wir experimentieren uns durchs Labyrinth der Poesie. Wir lernen darin einen vielseitigen, spielerisch-präzisen und philosophisch grundierten Umgang mit Sprache – teils in direkter Auseinandersetzung mit KI. In diesem Irrgarten finden wir unseren „Poesie-Generator“, unser lyrisches Kraft- und Energiezentrum. Als Logbuch dieser Erkundung entstehen Texte, im Miteinander.
