nr. 96





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von Text und Bild bei
Christian Schloyer



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Hundertzehn g (Auszug)

Ein Blick auf die mich umgebenden Instrumente bestätigten die Entfernung zur Wega und unsere Geschwindigkeit. Die Statusanzeige meldete neben einiger kleinerer Defekte den Totalausfall des Dämpfungssystems. Ich war aus irgendwelchen Gründen wieder elf Minuten zu spät. Das dichte Grün der Pflanzen beruhigte mich plötzlich nicht mehr.
"Ich verstehe", sagte ich nur und preßte den angehaltenen Atem hervor. Shit!
"Dann beeilen wir uns, damit Sie rechtzeitig zu ihrer Verabredung kommen", sagte der alte Gärtner und grinste zahnlos. Speichel glitzerte in seinen Mundwinkeln. Ich hatte den Alten erst bemerkt, als er hinter der Hecke hervorgetreten war. Er schor das struppige Grün mit einer langen, rostigen Schere. Trotz der Hitze trug er keinen Strohhut, sein kahler Schädel war sonnenverbrannt, gesprenkelt in verschiedenen Rottönen. Offenbar waren wir der fremden Sonne schon sehr nahe.
Als ich aufblickte, schob sich soeben eine Wolke vor das heiße Gestirn. Das schwarze Leder glühte. Ich erhob mich und folgte dem miserablen Weg, der an der Gärtnerei entlang führte. Es roch nach Straßenbaustelle, ich hatte schon lange keinen blasenwerfenden Teer mehr gesehen. Der Uniformierte hatte sich unbemerkt entfernt und der Gärtner war wieder in seine Arbeit vertieft. Warum hat mich niemand abgeholt? Das Krankenhaus lag schon einige Häuserzeilen zurück. Ich kam mir so lächerlich vor in meiner samtroten Uniform.
Eine ältere Dame zog ihre Einkaufstasche auf schlecht geölten Rädern hinter sich her. Ich holte auf, meine Schritte waren länger. Sie murmelte immer wieder den gleichen Satz vor sich hin. Ich verstand erst nicht.
"Wenn die Menschen genauso wirtschaftsverdrossen wären, wie sie von der Politik verdrossen sind, wären wir alle glücklicher."